Jörg Peterkord
Redaktion+Konzept

 

Konzentration statt Stress

 

Der kleine Koffer von Boxtrainer Dietmar Trieb hat es in sich. Einmal unter Strom gesetzt, gibt das Gerät im Koffer für alle Boxschüler den gleichen Rhythmus vor. Ungefähr alle zwei Minuten knarzt ein schriller Ton durch die Halle. Der Taktgeber in der Sporthalle an der Lindenstraße ist ein erbarmungsloser Gleichmacher. Laufen, Liegestützen, Schattenboxen – alle zwei Minuten eine kurze Pause. Während die gut Trainierten in der Halle gerade einmal die ersten Schweißtropfen von der Stirn wischen, sind andere schon schwer getroffen – nicht vom Gegner, sondern von der Rache ihres inneren Schweinehunds. Einmal herausgefordert, beißt das Biest giftig zu und sorgt für ein munteres Farbenspiel.

Das Rot im Gesicht spielt bei einigen Sauerstoffunterversorgten schon langsam ins Purpurne, als endlich das erlösende Signal zum Ende der Übungseinheit ertönt. „Letztlich kann jeder für sich entscheiden, ob er alle Einheiten auch mitmacht oder zwischendurch eine Pause einlegt“, versichert Boxtrainer Trieb. Doch wer will sich diese Blöße schon geben. Wer im Ring wachsen will, lernt Schmerz und seine Grenzen kennen und erfährt viel über seine wahre Größe. Dieses Prinzip prägt schon das Aufwärmtraining beim Boxen. Und bei Dietmar Trieb haben die Neuen erst einmal viel Gelegenheiten sich kennen zu lernen. „Die müssen mindestens ein halbes Jahr konsequent trainieren, bevor die das erste Mal in den Sparring steigen“, erklärt Trieb. In dieser Zeit ist den meisten Scheinriesen und selbst ernannten Champions unter den Straßenkämpfern schon die Luft ausgegangen. „Die kommen dreimal und dann nie wieder“, so der Boxtrainer. Auch an diesem Abend melden sich zwei Jungs, die einfach mal so schauen wollen. Andre Dik – seit sieben Jahren beim ETuS Rheine aktiv – begleitet die beiden in die Kabine. „Und bleib’ dabei, man weiß ja nie“, gibt ihm der Trainer noch mit auf den Weg. Andre zuckt mit seinen breiten Schultern und die beiden Heißsporne folgen brav. „Hier kommen immer wieder Jungs mit falschen Vorstellungen vorbei“, erzählt Andre später.

Doch wer seine Aggressionen nicht im Griff hat und nicht bereit ist zu lernen,fliegt raus. Der 19 Jahre alte Abiturient ist in Russland aufgewachsen. Er hat schon viele kommen und gehen sehen. In den Ring steigt der angehende Medizinstudent schon lange nicht mehr. „Manche haben es einfach drauf und ich eben nicht“, erzählt er fast beiläufig. Als ihm das klar geworden war, habe er sich darauf konzentriert, seinen Kopf einzusetzen. Boxen betreibt er seither als Fitnessport. „Ich bin auch mal eine Zeit lang in einer Muckibude gewesen, aber da steht halt keiner dahinter.“ Vielleicht spiele bei den Jugendlichen, die in Russland geboren oder aufgewachsen sind, auch eine gewisse Nostalgie eine Rolle. „Viele kennen den Boxsport noch von der Schule. Das ging dort ja vielfach richtig militärisch zu.“

Auch die Ansagen Dietmar Triebs lassen kaum was an militärischer Klarheit vermissen. Auch wenn der 56-Jährige immer wieder mit einzelnen Sportlern intensiv arbeitet, gilt ein Teil seiner Aufmerksamkeit immer auch den Rest des Geschehens. „Es muss schon klar sein, wer hier in der Halle Chef im Ring ist.“

Wer vorher am wehrlosen Ledersack seinen Aggressionen freien Lauf lassen konnte, muss mitunter auch mal wieder eingefangen werden.„Spätestens im Sparring merkt der dann, dass er mit seiner Wut nicht weiterkommt“, weiß Trieb. Der Sparring ist ein Übungskampf, nicht um herauszufinden, wer den anderen KO schlagen kann. Sparring wird, abgesehen von der Wettkampfvorbereitung, mit halber Härte ausgeführt. Hier sollen Ringerfahrung gesammelt werden, Techniken in der Anwendung erprobt werden und Fehler aufgedeckt werden. Blaue Augen und blutige Nasen sind nicht Ziel der Übing. Dies gilt vor allen Dingen für Runden zwischen Fortgeschrittenen und Anfängern. Wer als Fortgeschrittener einen Anfänger im Sparring KO schlägt, gilt als armer Profilneurotiker, aber niemals als guter Boxer.

Spannungen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft – ob sie jetzt aus Russland, Kasachstan, dem Kosovo oder irgendeinem afrikanischen Land stammen – sind noch nie ein Thema gewesen. „In jedem Land gibt es solche oder solche Sportler. Früher hatten wir viele Türken, heute haben wir viele Russen, aber das hat noch nie Stress in der Halle gegeben.“  Jörg Peterkord

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